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23. Schwangerschaftswoche – was nun?

Die Geburt unseres Sohnes Maximilian Silas war eigentlich für den 09.Mai 2001 errechnet. Er kam jedoch auf den Tag genau vier Monate zu früh zur Welt – am 09.Januar 2001.


Was nun??


Meine Frau Sabine und ich befanden uns im Kreissaal der Universitätsklinik Gießen und ein schier unlösbares Problem kam auf uns zu.

Ein sehr einfühlsamer Neonatologe aus der Kinderklinik Gießen, der in die Frauenklinik gerufen worden war, führte ein langes Gespräch mit uns. Die Geburt unseres Kindes war, aufgrund einer schweren Infektion meiner Frau, nun nicht mehr aufzuhalten und die Entscheidung lag letztendlich bei uns, und natürlich bei unserem Kind, ob wir lebenserhaltende Maßnahmen befürworteten oder nicht. Maximilian wurde eine reelle Überlebenschance eingeräumt. Wir wurden aber auch darauf hingewiesen, dass schwere Komplikationen auftreten könnten, die gegebenenfalls geistige oder körperliche Behinderungen zur Folge haben könnten. Eine solche Entscheidung zu treffen schien über unsere Kräfte zu gehen, doch glücklicherweise blieb uns noch ein wenig Zeit, in aller Ruhe alleine darüber nachzudenken.

Wir entschieden uns ,,für unseren Sohn Maximilian" mit allen Konsequenzen! Unser Sohn kam mit einem Geburtsgewicht von 640 g um 23:30 Uhr zu Welt. Meiner Frau Sabine ging es den Umständen entsprechend gut und wir waren zunächst erleichtert, fast glücklich, als die Ärzte uns sagten, dass Maximilian die Nacht überleben würde – er schien eine Kämpfernatur zu sein.

In dieser Nacht sollte ich gegen 04:00 Uhr auf der Intensivstation sein, um zum ersten Mal mein Kind zu sehen. Nachdem mich der Arzt versuchte auf das vorzubereiten, was mich anschließend erwarten würde, betrat ich zum ersten Mal Zimmer Nr. 8 der Kinderintensivstation. Maximilian lag in einem Inkubator, eine Hand voll Leben, angeschlossen an Maschinen und Monitore, Schläuche im Bauchnabel, ein Beatmungstubus in der Nase, Elektroden auf der Brust, Haut wie Pergamentpapier.
Seine Augen waren geschlossen – seine Brust hob und senkte sich im Rhythmus der Beatmungsmaschine. Ein unbeschreibliches Gefühl der Hilflosigkeit überkam mich in diesem Moment.
Nach einem ausführlichen Gespräch mit dem behandelten Arzt wurde jedoch die Hoffnung in mir geweckt, dass Maximilian überleben könnte.

Wieder zurück bei meiner Frau erzählte ich ihr alles. Wir saßen da und konnten weder weinen noch lachen. Es war eine Situation zwischen Hoffen und Bangen und einer unbändigen Angst um unser Kind.

Maximilian hatte ein großes Problem mit seiner Lunge, die in dieser frühen SSW noch nicht gereift ist. Wir erfuhren, dass er eine so genannte BPD (Bronchopulmonale Dysplasie) in Verbindung mit dem ANS-Syndrom (Atemnotsyndrom) hat. Was dies genau bedeutete sollten wir in den nächsten Monaten noch häufiger schmerzlich erfahren.

Am neunten Lebenstag sollte Maximilian am Ductus Botalli operiert werden. Die Ärzte erklärten uns, dass es sich um keinen großen Eingriff handele, aber die Vorstellung ein Baby von (zu diesen Zeitpunkt) 490 g zu operieren, überschritt unsere Vorstellungskraft. Die Angst um unser Kind wuchs stetig und brachte uns fast um den Verstand. Nach der OP ging es unserem Sohn den Umständen entsprechend gut.

Einige Tage später erfuhren wir, dass Maximilian eine Hirnblutung bekommen hatte. Trotz dieser erschreckenden Diagnose beruhigten uns die behandelnden Ärzte nach einigen Tagen. Die Blutung hatte sich nicht weiter ausgebreitet und keine Schädigung des eigentlichen Gehirngewebes hervorgerufen.

Ich möchte hier mit meinen Ausführungen enden, denn es ist nicht möglich, all das Erlebte in Worte zu fassen.

Nach 64 Tagen Intensivstation wurde Maximilian auf die Station Moro (Säuglingsstation) verlegt, was für uns natürlich einen riesigen Schritt nach vorne bedeutete. Jetzt waren die Vorschriften nicht mehr so streng – wir konnten eine größere körperliche Nähe zu unserem Baby aufbauen.

Es muss jedoch gesagt werden, dass trotz aller ,,Apparatemedizin" auch auf der Intensivstation alles getan wurde, um eine Isolation des Kindes von seinen Eltern zu vermeiden. Das so genannte ,,Känguruhing", was zum Teil schon in den ersten Lebenswochen praktiziert werden durfte, empfanden wir als Geschenk.

Nach 136 Tagen war es dann endlich soweit: wir durften unseren Sohn Maximilian mit einen Gewicht von 1780 g mit nach Hause nehmen. Von den Kinderkrankenschwestern hatten wir den Umgang mit der Magensonde gezeigt bekommen, denn unser Kleiner musste noch weiter über die Sonde ernährt werden.

Wir waren überglücklich, als wir Maximilian dann schließlich in der Klinik abholten. Eine Überwachung mit dem SD 2-Monitor praktizieren wir heute, nach über einem Jahr, immer noch. Maximilian brauchte zu Hause keine zusätzliche Gabe von Sauerstoff mehr.

Das grenzte nahezu an ein Wunder (in Anbetracht des noch immer schlechten Zustandes seiner Lunge). Anschließend möchte ich noch sagen, dass es unserem Sohn heute sehr gut geht. Er ist jetzt 16 Monate alt, wiegt 6.800 g und ist ca. 75 cm groß. Auch wenn wir heute noch so unsere Probleme haben, macht Maximilian uns sehr viel Freude, denn er geht jeden Tag ein Stück nach vorne.

Maximilian ist ein aufgewecktes Kind – er hat natürlich viel aufzuholen – braucht viel Zuwendung und vor allen viel ZEIT.

Ich wünsche allen betroffenen Eltern alles Gute und möchte noch einen kleinen Spruch mit auf den Weg geben.

Schwinge dich zum Mond empor,
selbst wenn du ihn verfehlst,
landest du bei den Sternen.

(Kleine Fluchten´99)

 

 

Mit den besten Wünschen

Martin Lenz