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Erfahrungsbericht Adriana

„Und es trifft dich wie aus heiterem Himmel"


Nach sieben Monaten zeigt Adrianas Kurve nach oben. „Man ist doch froh, wenn die Windel nicht mehr unter den Achseln kratzt", lacht Mutter Andrea Hermann. Ein von der Leunerin Irene Grill gegründeter Selbsthilfeverein hat ihr in den Anfangsmonaten geholfen.


Gießen/Leun (Lahn-Dill-Kreis). Abrupt ist die Schwangerschaft zu Ende, plötzlich ist der winzige Erdenbürger da. Zu früh für diese Welt und schon ist er mit Kabeln und Elektroden bestückt. Bei allem Glück über den Nachwuchs müssen Eltern von Frühgeborenen erst einmal lernen, mit dem kleinen scheinbar zerbrechlichen Wesen an ihrer Seite und ihren Sorgen um den Nachwuchs umzugehen – und zwar nicht im trauten Zuhause, sondern auf der Frühchenintensivstation im Universitätsklinikum Gießen. Irene Grill aus Leun hat einen gemeinnützigen Verein gegründet, um Vätern und Müttern in der schwierigen Situation beizustehen. „Jeder Monitor, der bimmelt, ist erstmal ein Alarmzeichen, bis du verstehst, dass die Überwachung der Sicherheit deines Kindes dient", sagt Andrea ermann. Als Tochter Adriana in der 30. von 40 Schwangerschaftswochen per Kaiserschnitt geholt wurde, war sie gerade einmal 34 Zentimeter groß und 815 Gramm leicht. Zum Vergleich: 3500 Gramm und 52 Zentimeter sind bei termingerechter Geburt durchaus normal.
14 Tage war es um die zuvor lebhafte Adriana im Mutterleib still geworden, sie war unterversorgt. „Es trifft dich wie aus heiterem Himmel", sagt Grill, „du hast vorher kaum eine Chance, dich damit auseinanderzusetzen." Es besteht die Gefahr, dass das Kind krank geboren wird, kurz nach der Geburt erkrankt oder stirbt. Die Vorsitzende der  Elterngruppe für Frühgeborene und kranke Neugeborene" hat das vor 19 Jahren bei ihrem Sohn alles selbst durchgemacht.

Angst um das Kind

Elf Wochen lang wurde Adriana – bei der Geburt 34 Zentimeter klein und 815 Gramm leicht – in der Uniklinik Gießen versorgt. Ein Sättigungssensor an ihrem winzigen Fuß misst im Brutkasten den Sauerstoffgehalt in ihrem Blut. „Unser Verein hat einen schweren Stand, weil viele glauben, die Kinder sind einfach nur klein, die  werden schon wachsen", berichtet sie. Die Realität spreche eine andere Sprache: „Für die Eltern ist die Angst um ihr Kind eine große Belastung. Viele fallen in ein tiefes Loch. Frauen glauben, versagt zu haben." Alle bangen Fragen sind deshalb beim Erfahrungsaustausch mit anderen Eltern erlaubt, sogar gewünscht. Die Gespräche organisiert der Selbsthilfeverein.
Für die weitere Entwicklung der Frühchen – besonders wenn die Kinder geistige oder körperliche Behinderungen davontragen – will Irene Grill Tipps geben. „Man greift nach jedem Strohhalm und es ist vieles möglich, diese Kinder können ein ganz normales leben führen", macht sie Mut. „Je früher man anfängt, sich darum zu kümmern, umso besser ist das auszugleichen." Und in der Klinik selbst? Da möchte Grill die Angst vor den Maschinen nehmen, indem sie aufklärt.
Drei Tage lag Adriana nach ihrer Geburt auf der Kinderintensivstation. Danach besuchte Andrea Hermann ihre Tochter im Brutkasten und anschließend im offenen Wärmebettchen elf Wochen lang auf der Frühchenstation, der Station Moro.

Verkabelte Tochter

Obwohl die 36-jährige Mutter stets optimistisch war, schockte sie die medizinische Maschinerie, das ständige Piepen und Rauschen am Anfang dennoch. Sieben Monate danach, Adriana ist 60 Zentimeter groß und 4700 Gramm schwer, kann sie über das Bild ihrer verkabelten Tochter im Brutkasten schon lächeln. „Wenn das Kind noch durch die Nase beatmet werden muss, ist der Anblick gar nicht schön", sagt Irene Grill. Ein Sättigungsfühler misst den Sauerstoffgehalt im Blut, weitere Strippen kontrollieren die Herzwerte. Und auch der direkte körperliche Kontakt zum Nachwuchs fehlt den Eltern. Sobald das Kind stabil ist, versucht die Klinik in Gießen deshalb abzuhelfen. „Känguruhn" heißt das Zauberwort. Vater oder Mutter bekommen das Kind auf die nackte Brust gelegt – egal ob mit oder ohne Kabel.
Ein schöner Moment, wie Frühchenmutter Andrea Hermann weiß. „Vorher durfte ich Adriana meist nur mit  andschuhen durch zwei Öffnungen im Inkubator streicheln, du hast Kontakt, aber dein Kind ist doch weit weg. Zwischendurch denkst du schon einmal, das kann nicht gut gehen." Auf der Station Moro werden die Eltern auch beim Wickeln und Baden einbezogen.
„Man muss erst einmal lernen, dieses winzige Wesen mit all den Strippen anzufassen", sagt Hermann. Doch die Freude und Nähe sei dann umso größer.

Puppenkleider

Als sie schließlich ihre Tochter mit nach Hause nehmen durfte, waren andere Herausforderungen zu meistern. Denn im Babybekleidungsgeschäft sind Frühcheneltern hoffnungslos verloren – alles zu groß. Puppenkleider sind oft der Ausweg. Das gleiche gilt für Windeln.
Sieben Monate danach zeigt Adrianas Kurve steil nach oben. Sie fängt an zu sitzen und greift nach Spielsachen. „Wenn Adriana schläft, schmeiße ich den Laptop an", sagt ihre Mutter, die mittlerweile wieder ihrem Beruf als Systemberaterin in Pohlheim nachgehen kann.
Einmal im Monat wird Adriana im Klinikum Gießen untersucht – und dort bei „frischen" Frühcheneltern herumgereicht, auch um Mut zu machen. „Man ist doch froh, wenn die Windeln nicht mehr unter den Achseln kratzen", blickt Andrea Hermann stolz zu ihrer „großen" Adriana.

Artikel gekürzt. (sap)


Erfahrungsbericht Adriana veröffentlicht in der "Wetzlarer Neuen Zeitung"
Von Sabine Preisler, Telefon (06441) 959198, E-Mail: lokalredaktion.wnz@mail.mittelhessen.de